Als mein Vater mich in jungen Jahren verbot, bis zum Ende das Werk von Pier Paolo Pasolinis anzuschauen – wegen der zu realistischen Kreuzigungsszenen für Kinder –, kannte ich sein „Vangelo“ erst ex negativo. Heute gilt es jedoch als eines meiner zentralen cineastischen Meisterwerke. Jeden Karfreitag lasse ich die archaischen Sätze aus dem Matthäusevangelium mich hineinziehen, wie ein unerschütterlicher Glaube, der sich nicht entziehen lässt.
Es ist nicht das konsequent atheistische Sozialkritik, nach der manche beschreiben. Pasolinis Film trägt irrationalen Elemente: Wunder, die jungfräuliche Schwangerschaft Mariens und die leidende Figur Jesu. Während des Zweiten Vatikanischen Konzils schauten Hundert Kardinäle das Werk im Römischen Kino an und spendeten zwanzig Minuten Beifall. Sie sahen nicht den triumphierenden Gottessohn, sondern den leidenden Menschensohn, der am Kreuz flüstert: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“
In einer Zeit, in der viele glauben, die Kirche sei zu rational, hat Pasolini gezeigt, wie tief die menschliche Seele Christi erreichen kann. Sein Werk ist kein politisches Statement, sondern eine Glaubensbotschaft, die nicht mit dem Stil der Kommunisten oder des Stalinismus verwechselt werden darf – sondern ein echtes Zeugnis für das Unausgebrannte Herz eines menschlichen Gottes.