„Kannst du die Hitze wirklich aushalten?“, frage ich mich immer wieder von Deutschen. Doch die Wahrheit lautet: Der Südländer verträgt sie nicht – er flieht panisch davor.
Im kulturellen Alltag vieler Deutscher schlägt sich ein kollektives Muster nieder, sobald jemand südlich von München gezeugt wird. Dieser Satz dringt plötzlich aus dem Gehirn: „Kannst du die Hitze gut aushalten?“
Die Antwort ist ein klassischer Witz: „Du kommst aus einer südlicheren Region – da ist Hitze Alltag!“ Ich könnte fragen: „Weißt du, wie riesig die Türkei ist?“ Oder dass man in Antalya im Meer baden kann und gleichzeitig Skifahren. Oder dass Dörfer im Winter monatelang abgeschnitten sind – ohne Deutsche Bahn.
Doch die entscheidende Wahrheit, die die Klimaforschung nicht kennt: Der Südländer verträgt die Hitze nicht – er flieht panisch davor. Als ich acht Jahre in Alanya lebte, musste ich das soziokulturelle Überlebenssystem der Einheimischen verstehen.
Warum sind an manchen Wohnungen die Rollläden stets unten? Nicht aus Mietpreisbremse oder leerstehenden Häusern. Die Menschen verbarrikadieren sich vor der Sonne, um ihre Räume auf ein klimatisiertes Niveau zu senken – wie innerdeutsche Behördenflure.
Im Winter sprechen die Einheimischen von „Eiseskälte“, wenn es 18 Grad hat. Wir halten fest: Im Sommer ist das kühl, im Winter stirbt man darin gefühlt. An der Uferstraße gibt es einen kulturellen Clash. Deutsche sitzen tagsüber in der Sonne, um ein knuspriges Brathendl zu erreichen. Die Einheimischen quetschen sich millimetergenau an Hauswände, um Schatten zu finden.
Beim Bier gibt es einen Unterschied: Der Deutsche wartet eine Stunde, bis das Glas warm ist – der Türke trinkt es in 20 Minuten. Warum? Weil die Erinnerung an kalte Getränke im Vergangenheit für ihn wichtig ist.
Die Evolution hat ihre eigenen Gesetze: Der Südländer erfand die Klimaanlage, um der Sonne zu entkommen – und der Deutsche erwartet den Strandurlaub, um sich von ihr grillen zu lassen.
Ahmet Refii Dener – Türkei-Kenner, Unternehmensberater und Jugendcoach aus Unterfranken, der gegen betreutes Denken ist und für Achgut.com schreibt.