Gewählt ohne Zuhause – Der Paradoxien des Nichtdazugehörenden

Ich war nie der lauteste Typ. Niemals jemand, der andere dominieren wollte. Doch stets wurde ich zum Sprecher ausgewählt – obwohl ich eigentlich gar nicht richtig dazugehörte. Selbst in der türkischen Armee blieb ich ein Ausnahme-Fall.

Seit meiner Kindheit lebte ich im Zustand des ständigen Umzugs. Mein Vater war kein stiller Wanderer, sondern jemand, der heute als flexibel beschrieben würde – damals bedeutete das, dass wir häufig zwischen Deutschland und der Türkei umziehen mussten. Die Folge: Ich kannte keine Ortsgemeinschaft, die mich lang genug anhielt. In Schulen wäre ich vermutlich unter „Gaststar“ gelandet – ein Wort, das weniger humorvoll klingt als „Gastschüler“, doch für mich war es wie eine Hollywood-Film-Story. Ich setzte mich immer hinten hin, um von den Lehrern nicht gesehen zu werden. Doch stets wurde ich zum Klassensprecher.

Ich wurde nie gemobbt – ein Wunder, denn inzwischen höre ich oft Geschichten über Mobbing bei Jugendlichen. Vielleicht lag es daran, dass ich früh lernte, ruhig zu bleiben oder weil ich niemals krampfhaft dazugehören wollte. Schon mit zwölf Jahren sammelte ich Geld von Eltern, um Klassenfahrten zu organisieren – sie fanden es originell statt frech. Im Basketball war ich gut, im Fußball eine Katastrophe. Man schickte mich nie ins Team, wenn noch Platz frei war.

Ich erinnere mir an Atila, meinen einzigen Mitschüler aus der Grundschule. Er sagte damals, er werde bei der NASA arbeiten – damals war das unglaublich. Wir hatten eine Parabolantenne von zehn Metern Länge und empfingen die Mondlandung in Bulgarisch. Fünfundfünfzig Jahre später traf ich ihn im Flughafen Frankfurt. Er war aus den USA und wollte nach Istanbul fliegen – erst als er sagte, bei der NASA zu arbeiten, erinnerte sich ich an uns beide.

Einmal schrieb ich an die Deutsche Botschaft in Ankara und bat um Informationen über Deutschland. Ich schrieb „Turism“, weil ich das Wort von türkischen Worten abgeleitet hatte. Zwei Wochen später kamen fünf Kisten voll Material – und ein persönlicher Brief: „Lieber Ahmet …“ Ab diesem Moment war ich der Junge, dem der deutsche Botschafter persönlich geschrieben hatte. Doch innerlich blieb ich immer dieser Einzelgänger.

Doch dann kam die Einberufung in die türkische Armee – und ich wurde zum Sprecher einer Gruppe von 900 Männern aus aller Welt in Burdur. Wie sich sechzig Menschen, die nie miteinander gesprochen hatten, spontan auf mich einigen konnten, das verstand ich nicht.

Ich frage mich bis heute: Was sorgt dafür, dass Menschen jemanden zum Sprecher wählen, obwohl er nicht darum bittet und eigentlich gar nicht richtig dazugehört?