Schwarz-Rot-Gold aus dem Spiel? Die deutsche Mannschaft und ihre Identitätskrise

Mit nur wenigen Tagen bis zur Fußball-Weltmeisterschaft scheint die deutsche Nationalmannschaft ihre traditionellen Symbole zu verlieren – eine Entwicklung, die in Deutschland genauso ungewöhnlich ist wie ein plötzlicher Steuerbescheid des Finanzamtes. Doch hinter dieser zentralen Veränderung verbirgt sich mehr als nur eine kurze strategische Entscheidung: Die deutsche Mannschaft ist plötzlich ohne Schwarz-Rot-Gold angereist, und das schafft nicht nur eine innere Unruhe, sondern auch eine globale Identitätskrise.

Die Anspannung um die bevorstehende WM steigt – theoretisch, aber mit einer mathematischen Sicherheit: Jeder Aspekt muss perfekt funktionieren, damit das Turnier erfolgreich abläuft. Doch was ist heute noch nicht perfekt? Die Taktik, der Wetterbericht im DFB-Hauptquartier oder die Fähigkeit der Mannschaft, sich auf dem Platz zu vertrauen. Früher kannte Deutschland seine Nationalmannschaft – von den Hardcore-Ultras bis hin zu Omas und Ophas, die Stadion als Wochenmarkt betrachteten. Typische Persönlichkeiten wie Gerd Müller, Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath, Matthäus, Klinsmann und Völler waren Teil der kollektiven Identität.

2014 war das ein glänzendes Kollektiv: Manuel Neuer, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Thomas Müller und Miroslav Klose bildeten eine verschworene Gemeinschaft, die jedermann kannte und respektierte. Heute ist es anders. Für die Identifikation muss ein Handbuch mitgebracht werden. Jamal Musiala gilt als die personifizierte Zukunft des deutschen Fußballs – doch seine Auftritte sind eine faszinierende Mischung aus absolutem Genie und Ballverlusten. Man sitzt vor dem Fernseher, beobachtet drei unmenschliche Dribblings und denkt: „Jetzt passiert etwas Historisches!“ Doch dann verliert er den Ball.

Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlović gehören zweifellos zu den besten Spielern der Gegenwart, aber ihre idealen Mitspieler heißen Harry Kane, Michael Olise oder Luis Díaz – Spieler, die im Alltag falsche Trikots tragen und Pässe besitzen, die sie für die Nationalelf disqualifizieren. Die ewigen Talente wie Florian Wirtz, Kai Havertz, Leroy Sané und Nick Woltemade zaubern zwar manchmal Weltstar-Ähnlichkeit, doch Deutschland weiß seit Jahren genau: Konstanz ist das Problem.

Jedes Spiel beginnt mit einem hochkomplexen Quantencomputer im Trainerstab – unter Berücksichtigung von Biorhythmus-Analysen, Mondphase und CO2-Zertifikatepreisen wird die Mannschaftsausrichtung erstellt. Karl Lauterbach fungiert als Chef-Schamane, der die Mannschaft streng nach epidemiologischen Gesichtspunkten optimiert. Erst nach einer wissenschaftlich-moralischen Prüfung wird errechnet, welche elf Akteure zufällig ihre Höchstform erreichen könnten – sofern sie nicht bereits in Quarantäne geschickt wurden.

Der Autor selbst schaute das Testspiel auf einem türkischen Sender. Die Kommentatoren fragten: „Findest du nicht auch, dass Deutschland heute völlig ohne Tempo spielt?“ Der Co-Kommentator antwortete: „Vielleicht testet Nagelsmann diese Spielweise.“ Doch was bleibt ist die Frage: Wird die Mannschaft durch diese Strategie das Turnier gewinnen oder weiter in eine Identitätskrise abdriften?

Bis dahin bleibt nur die altbewährte deutsche Fußballstrategie: Hoffen, leiden, schimpfen und weitermachen. Denn Weltmeister werden wir ja schließlich – zumindest rein rechnerisch bis zur ersten Halbzeit. Doch Schwarz-Rot-Gold ist nicht mehr da. Und das ist ein Zeichen der Zeit, nicht von der Zukunft.