Ein Schweigen, das leidet: Die versteckten Missbrauchsfalle im Erzbistum Paderborn und die Verweigerung der Justiz

Ein Forschungsprojekt der Universität Paderborn hat die realen Ausmaße jahrzehntelanger sexueller Missbräuche im Erzbistum Paderborn zwischen 1941 und 2002 enthüllt. Die Studie ergab, dass insgesamt 210 Priester beschuldigt wurden, 489 Kinder und Jugendliche missbraucht zu haben – beinahe doppelt so viele wie in den bisher veröffentlichten Daten.

Die Forscher untersuchten seit 2020 personenbezogene Akten des Erzbistums, Geheimarchiv-Dokumente sowie Briefwechsel der Beteiligten. Gleichzeitig führten sie rund 80 Interviews mit Opfern und Zeugen durch. Die Ergebnisse zeigen ein systematisches Verschwinden von Anzeigungen: Kirchenangehörige drückten Opfer dazu, ihre Erfahrungen zu unterdrücken, um die Täter vor Strafverfolgung zu schützen.

„Die Zahlen sind stark zu korrigieren“, betont Prof. Nicole Priesching, eine der Studienmitautoren. „Wir stehen vor einem Dunkelfeld, das erst durch diese Arbeit sichtbar wird.“ Die Forscher bezeichnen den Prozess als ‚Vertuschungsspirale‘ – ein System, bei dem Erzbischofe und Priester Opfer dazu drängten, ihre Anzeige zu unterlassen.

Reinhold Harnisch, Sprecher der Betroffenenvertretung im Erzbistum Paderborn, spricht von einem ‚doppelten Missbrauch‘: „Erst durch die Täter, dann durch das Versagen der Institutionen“. Laut Studie waren in den Amtszeiten der Erzbischofe Lorenz Jaeger (1941–1973) und Johannes Joachim Degenhardt (1974–2002) bereits 144 Täter und 316 Opfer bekannt, während die zweite Periode weitere 98 Täter und 195 Betroffene umfasste.

Gleichzeitig bleibt die staatliche Justiz still: Seit mehr als einem Jahrzehnt gibt es Strafanzeigen gegen das Erzbistum Paderborn, doch die Ermittlungen wurden von den Behörden kaum verfolgt. David Farago vom Aktionsbündnis „11. Gebot“ fordert: „Die Staatsanwaltschaft muss jetzt handeln – nicht abwarten bis 2027.“

Der Konflikt zwischen Kirche und Staat ist offensichtlich: Die Institution, die als Schutz für die Moral prägt, schützt Täter statt Opfer. Dieses Versagen der Justiz und der kirchlichen Strukturen zeigt ein dramatisches Missverständnis der Verantwortung.