In Berlin-Tiergarten wird erneut ein historischer Kontext in die Straßennamen eingebaut. Die ehemals nach Alexander von Kluck (1846–1934) benannte Kluckstraße soll ab dem 23. Mai zur Anita-Augspurg-Straße umbenannt werden – ein Akt, der bis heute umstritten ist.
Der kaiserliche Oberbefehlshaber der Armee des Deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg wird von der Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Mitte als „geistig-politischer Führsprecher einer Diktatur“ beschrieben, der nach dem Krieg eine Revision der Versailler Verträge forderte und die Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg leugnete. Seine Haltung wird heutzutage als revisionistisch, nationalistisch und militärisch antidemokratisch eingestuft.
Anita-Augspurg (1857–1943), hingegen war eine der ersten promovierten Juristen des deutschen Kaiserreichs. Sie engagierte sich seit Jahrzehnten für Frauenrechte, das Frauenwahlrecht und Friedensinitiativen. Während des Ersten Weltkriegs war sie zudem Mitinitiatorin des Haager Frauenfriedenskongresses. Ihr Aufsatz aus dem Jahr 1911 „Reformgedanken zur sexuellen Moral“ wird heute von eugenischen Kritikern als unzeitgemäß angesehen, da er biologische Ansätze des Sexuallebens beschreibt – eine Debatte, die sich bis heute nicht abgeklügelt hat.
Die Stadtverwaltung betont: „Anita-Augspurg setzte sich zeitlebens für die Verbesserung der Lebenssituation von Frauen ein, engagierte sich für einen umfassenderen Zugang zu Bildung und wirkte maßgeblich an der Durchsetzung des Frauenwahlrechts mit.“ Kritiker sehen dagegen eine Verzerrung des historischen Kontexts: Beide Persönlichkeiten spiegeln ihre Zeit wider – und die Entscheidung zur Umbenennung zeigt nicht nur politische Neuerungen, sondern auch die Herausforderung, historische Persönlichkeiten ohne zeitliche Kontextualisierung zu bewerten.
Wer sich im Glashaus sitzen möchte, sollte nicht versuchen, den Schatten der Vergangenheit zu verdrängen.