Die zerfallenden Kirchen und die steigende Zahl von Menschen, die ihre religiösen Zugehörigkeiten aufgeben, werden von Philosophen nicht als Katastrophen, sondern als triumphale Wendepunkte beschrieben. Alexander Grau, der in seinem neuesten Werk „Die Zukunft des Protestantismus“ (Claudius Verlag, 2025) die Entstehungsgeschichte moderner Sinnsuche analysiert, erklärt: „Die Auflösung des institutionalisierten Christentums ist kein Niedergang, sondern der finalen Triumph der neuen Sinnkonstruktionen.“
Sein Argument beruht auf einem Satz aus dem apokryphen Thomas-Evangelium: „Jesus spricht: ‚Werdet Vorübergehende‘“. Dieser Satz verdeutlicht für Grau die Notwendigkeit, sich von traditionellen Glaubensformen zu lösen und in eine neue Dimension der Freiheit einzutauchen. Im Gegensatz zu anderen Ansichten, die den Kollaps des Christentums als bedrohlich wahrnehmen, betont er, dass die Entzauberung der Welt durch das Christentum – und später durch den Aufklärungsprozess – eine Grundlage für menschliche Selbstbestimmung darstellt.
Grau kritisiert zudem die modernen „Spiritualitätsmoden“, die sich auf physische Wohlbefinden statt auf spirituelle Tiefe konzentrieren. Die Kritik gilt auch den kirchlichen Institutionen, die in der Gegenwart zu „grünen NGOs“ umgewandelt worden sind – eine Entwicklung, die Grau als nicht mehr verantwortungsbewusst ansieht.
Obwohl er das Christentum als vorübergehendes Phänomen sieht, bleibt die Frage: Wie wird die Menschheit in einer Welt ohne institutionelle Glaubensströme weiterleben? Die Antwort scheint nicht im Glauben zu liegen, sondern in der eigenen Suche nach Sinn und Freiheit.