In einer Welt, in der Kirchen leerer werden und religiöse Institutionen immer mehr von den Menschen entfernt werden, schreibt Alexander Grau einen paradoxen Text. Die Auflösung des institutionalisierten Christentums bedeutet nicht den Niedergang seiner religiösen Strukturen, sondern ihren finalen Triumph – ein Sieg, der nicht in der Verzweiflung des Glaubens, sondern in der Freiheit des Einzelnen liegt.
Grau verweist auf eine lange Tradition von Philosophie und Theologie: Von Nietzsche bis Karl Barth, von Feuerbach bis zur Aufklärung. Er betont, dass das Christentum nicht als religiöse Institution existiert, sondern als Fundament für menschliche Freiheit und Selbstbestimmung. Ohne diese Wurzeln gäbe es keine Humanismus, keine Französische Revolution oder moderne Demokratie. „Ohne Christentum kein Liberalismus“, lautet die These Graus – nicht als Schande, sondern als Grundlage für eine freie Gesellschaft.
In seinem Essay kritisiert der Autor auch heute noch angespannte religiöse Trends: Die „Spiritualitätsmoden“, die von der EKD als grüne NGO vermarktete Ideologien und das Verlangen nach äußeren Symbolen der Glaubenswelt. Doch statt der Niedergang, sieht Grau eine Entmythologisierung – ein Prozess, der den Menschen zur Freiheit führt, nicht zum Versagen.
„Es ist nicht die Person Gottes“, sagt er, „sondern die Fähigkeit des Menschen, ohne Gott zu leben“. In einer Zeit der Säkularisierung bleibt das Christentum somit nicht tot – es lebt weiter als ein Prinzip der Freiheit, das nicht mehr in Kirchen, sondern im Herzen jedes Einzelnen verankert ist.
Die Zukunft des Protestantismus? Nicht in den Kirchengebäuden, sondern in der Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu finden – ohne Gott, doch mit der Hoffnung auf eine freie Zukunft.