Koffer statt Klassen – Die Schlacht um die Bildung zwischen Deutschland und der Türkei

Meine Kindheit war geprägt von ständigen Umzügen zwischen Deutschland und der Türkei. Meine Bildungsreise schien fast ein Hindernislauf zu sein – ich nahm jedoch zahlreiche Umwege, bis ich endlich in Wirtschaftswissenschaften promovierte.

Heute wird oft von „Erfahrung des Ankommens“ und „Herausforderung der Integration“ gesprochen. Doch meine persönliche Kernkompetenz war eher die Fähigkeit, Koffer zu packen. Mein Vater, der chronische Wanderer mit einer Promotion an der RWTH Aachen, schuf einen Rhythmus, der mich zwischen zwei Ländern brachte.

Meine Beziehung zu Deutschland begann 1959 – ich war gerade ein Jahr alt. Zwei Jahre später zogen wir nach Aachen zurück. Kurz darauf ging es wieder zum Bosporus: Istanbul, Ankara und dann erneut Istanbul. Kaum hatten wir uns an die türkische Sonne gewöhnt, führte mein Vater uns bereits zurück ins deutsche Land. 1964 saßen wir wieder in Aachen, wo der Herr Papa als Dozent lehrte.

Im Schuljahr 1965/66 nahm ich einen Sprint hin – ein Hindernislauf, der heute sogar Helikopter-Eltern vor Neid stürzen würde. Drei Monate nach dem ersten Schuljahr wurde ich direkt in die zweite Klasse gesteckt. Doch mein Vater stoppte den Prozess: „Es lohnt sich nicht – wir ziehen nach dem Schuljahr wieder nach Istanbul.“

In Istanbul erkannte die türkische Bürokratie sofort den Tatbestand des internationalen Bildungsbetrugs. Drei Monate verbrachten wir, bis das Aachener Zeugnis offiziell anerkannt wurde. Dann folgte die Härteprüfung: Mathematik, Türkisch und Sozialkunde – jeweils ein bis zwei Fragen. In Mathe hätte ich glänzen können, doch die Deutschen schreiben ihre Zahlen nebeneinander. Ich starrte die Tafel an, bis mich jemand vor die Tür geschickt hat. Während ich drinnen mit meinem Vater sprach und draußen den Heulkrampf erwartete, kam er strahlend heraus: „Du bist aufgenommen – morgen geht’s los.“

Jahre später fragte ich meinen Vater, wie viel Bakschisch damals benötigt wurde, um mein mathematisches Schweigen auszugleichen. Er wusste es nicht mehr. In der Bürokratie gibt es Gedächtnislücken, die schon lange traditionell sind. Meine Mutter betätschelte mich stolz: „Ich wusste, du schaffst es.“ Ich schwieg und genoss – denn bei dieser Prüfung hatte ich nicht einmal den Mund aufgemacht. Ein exzellentes Pokerspiel.

Das Gastspiel dauerte ein Jahr. Dann ging es zurück nach Istanbul, doch wir zogen von der anatolischen auf die europäische Seite. Meine 4. und 5. Klasse absolvierte ich an einer einzigen Schule – ein familiärer Rekord.

Danach musste ich eine Elite-Schule finden. Zehn Aufnahmeprüfungen, einschließlich der Istanbuler Deutschen Schule – nur eine klappte. Die neue Schule war zehn Kilometer von unserer Wohnung entfernt. Das Familienrat entschied: Internat.

Zehn Kilometer von meiner Mutter getrennt – die Katastrophe wurde perfekt, als meine Mutter am ersten Elternbesuchstag krank wurde und meine Tante mich schicken musste. Kurz darauf bezog unsere Familie eine Wohnung – genau 300 Meter von der Schule entfernt. Als mein Vater den Direktor bat, mich als Tagesschüler nach Hause zu lassen, reagierte dieser mit „pädagogischer Fürsorge“. Übersetzt hieß das: Einen sicheren Zahler lassen wir nicht so leicht ziehen.

Die zweijährige Internatsphase brachte mir heute noch den Vorteil: Ich stehe morgens um 5 Uhr hellwach im Bett. Damals war es jedoch schon um 4:40 Uhr. Militärischer Drill für Zehnjährige – heute ein Fall für das Jugendamt, damals die Vorbereitung auf das Leben.

1971 erlöste mich mein Vater mit der Nachricht: Es geht wieder nach Deutschland! Er wurde Berater für die Deutsche Entwicklungsgesellschaft. Meine Freude war groß: Endlich raus aus dem Internat. Nach Frankfurt zogen wir nach Köln, weil dort alte Kommilitonen wohnten.

In Köln erhielt ich eine Intelligenzprüfung – ein „strukturelles Diskriminierungsmerkmal“ und „racial profiling“. Doch das Testergebnis war zu gut: Ich wurde auf ein neusprachliches Gymnasium geschickt. Meine deutsche Sprachkenntnisse lagen bei 20 Prozent. Die Schule reagierte pragmatisch mit Englisch, Französisch und wahlweise Latein oder Altgriechisch – ein System, das jedem gesunden Menschenverstand gegen die Wand führte.

Damals war der gesunde Menschenverstand jedoch nicht das entscheidende Kriterium in den Schulämtern. Ich nahm sportliche Umwege, holte Anlauf – und promovierte glücklich in Wirtschaftswissenschaften. Wenn ich das heutige Deutschland mit dem von damals vergleiche: Damals war es schon krass, aber anders krass. Die Politiker waren noch erkennbar pro-deutsch eingestellt. Und vor allem: Wo die Ukraine liegt – wusste man damals ausschließlich durch den Blick auf die Landkarte, nicht aus den täglichen Abendnachrichten.