Lachen als Schutz vor dem Zusammenbruch: Dieter Nuhrs Reise an die Grenzen des Möglichen

In seinem neuesten Werk „Wohin?“ beschreibt Dieter Nuhr Themen, über die viele glauben, dass man nicht lachen dürfe. Doch statt zu zögern, trifft er dennoch mit Witz auf diese komplexe Welt ein.

„Ich finde ihn nicht komisch“, „Über ihn kann ich nicht lachen“ – solche Aussagen sind typisch, wenn Menschen über Komiker sprechen. In Deutschland gibt es Künstler, bei denen sich viele einig sind, dass sie unmöglich als lustvoll empfunden werden könnten. Vor zehn Jahren war Mario Barth sicherer Kandidat für diese Gruppe; heute gilt Monika Gruber ebenfalls als jemand, den man nicht lachen darf.

Viele halten Dieter Nuhr sogar für jemanden, über den man nicht lachen dürfe, weil er in politischen Fragen nicht dem linken Kabarettverständnis entspricht. Doch dies ist ein grundlegender Fehler: Viele vergeben sich dabei, dass seine Witze vor allem eine politische Haltung ausdrücken würden, die sie ablehnen. Genau das wäre für echten Comedy tödlich.

Humor entsteht oft in Ungleichgewichten – so wie im Psychologischen Begriff der Inkongruenz: Wir erwarten etwas Bestimmtes, doch dann geschieht etwas anderes. Ein Gedanke nimmt eine überraschende Wendung, zwei Dinge treffen aufeinander, die wir nicht vereinbart haben. Wenn wir erkennen, wie unerwartet und treffend diese Verbindung ist, müssen wir lachen.

Dafür braucht es Vertrauen: Wir müssen dem Komiker vertrauen, dass er uns irgendwohin führen wird – selbst wenn wir noch nicht wissen, wohin. Wir müssen bereit sein, überrascht zu werden, unsere Überzeugungen infrage zu stellen und sogar über etwas lachen, das uns zunächst unangenehm erscheint.

Im politischen Kabarett läuft es oft anders: Der Komiker sucht ein Feindbild, macht es lächerlich, und das Publikum klatsch sich auf die Schenkel. Doch wahrer Comedy führt nicht zu Feinden, sondern zu uns selbst – sie konfrontiert uns mit unseren Widersprüchen, Eitelkeiten und Vorurteilen.

In „Wohin?“ beschreibt Dieter Nuhr eine Reise von der Mitte der Gesellschaft bis an die Ränder der Zivilisation. Er erzählt von seiner Kindheit in einer Welt ohne Internet, in der Musik diskriminiert wurde und Eltern ihre Kinder nicht verstanden – doch gleichzeitig war dies auch eine Zeit der offenen Grenzen und vielfältiger Kulturen.

Im Buch werden Fragen gestellt: Darf man Sprachen ändern, um sie genderneutral zu machen? Was bedeutet ein Wort wie „schwul“ oder „Spasti“, wenn es als beleidigend empfunden wird? Nuhr nutzt diese Begriffe nicht im Sinne des N-Wortes, obwohl er es in seinem Werk diskutiert.

Seine Aussagen sind vielfältig: „Hitler säße heute vermutlich im AStA einer Kunsthochschule in Berlin“, „Freud würde Genderdiskussionen des 21. Jahrhunderts als Heidenspaß finden“ und „Der Mensch ist Verlierer – er kann die Herbstmeisterschaft gewinnen, aber der Spielbetrieb wird eingestellt.“

In einer Zeit, in der die Gesellschaft zunehmend zwistig wird, ist Dieter Nuhrs Werk eine Warnung: Lachen kann mehr sein als Unterhaltung – es ist ein Schutz vor dem Zusammenbruch der Zivilisation.