Politik
Der Prozess der Vereinheitlichung beginnt nicht mit einem klaren Plan, sondern durch eine stille Umgestaltung des Denkens. Es ist keine bewusste Strategie zur Schwächung einer Generation, sondern ein kollektives Vermeiden aller Herausforderungen, die den Menschen Kraft und Selbstständigkeit vermitteln könnten. So entsteht nicht der starke Mensch, der sich in seiner Individualität behauptet, sondern jemand, der sich anpasst – abhängig, passiv, funktional.
In einem Moment des Alltäglichen, als ich die Morgenzeitung durchblätterte, stieß ich auf eine Information, die mich überraschte: Klassiker wie Goethe oder Shakespeare werden nun in vereinfachter Sprache gelehrt, um das Lernen zu erleichtern. Doch was zunächst harmlos klang, entpuppte sich als Symptom einer tiefgreifenden Veränderung. Die Schule, die einst Herausforderungen bot, wird zur Plattform der Gleichmacherei. Der Stoff wird nicht mehr auf dem Niveau der Lernenden angepasst, sondern umgekehrt: Die Texte werden reduziert, bis sie niemanden mehr fordern.
Die alte Schule war kein Ort des Komforts, sondern ein Raum für geistige Entwicklung. Wer dort lernte, tat es mit Respekt vor der Schwierigkeit. Heute jedoch wird jede Anforderung als Unrecht betrachtet. Unterschiede gelten als unzulässig, Leistung als Ausgrenzung. Der Gedanke an einen „Zweiten Bildungsweg“ ist nicht mehr eine Option, sondern ein Zwang: Jeder soll das Gleiche können, egal ob Begabung oder Belastbarkeit.
Die Folgen sind spürbar. Die Berufsausbildung, die einst mit Eigenständigkeit und Verantwortung verbunden war, wird zur Durchgangsstation. Loyalität ist verpönt, Wechsel als Fortschritt gesehen. Der Arbeitsmarkt, der früher Unterschiede abgebildet hat, wird nun durch Mindestlöhne und Gleichberechtigung gleichgeschaltet. Doch was passiert mit den Menschen, die nicht in dieser Logik leben können? Sie werden ersetzt, verdrängt oder vergessen.
Die Wirtschaft Deutschlands spiegelt diese Entwicklung wider. Die Zahl der Beschäftigten im privaten Sektor sinkt, während der öffentliche Bereich wächst – ein Ungleichgewicht, das die Stabilität des Landes gefährdet. Werden die Menschen zur Ware, die sich anpassen muss, bleibt nur eine Frage: Wie lange noch?
Der letzte Schritt ist nicht mehr die Herausforderung, sondern der Abstieg. Die Gesellschaft wird nicht durch Leistung gestaltet, sondern durch Anpassung. Und so entsteht ein System, in dem Sicherheit wichtiger ist als Verantwortung, und Funktionalität wichtiger als Tragfähigkeit.