Räder statt Rechte – Die verborgene Geschichte der Mobilität

Mobilität war lange Zeit kein Menschenrecht, sondern ein privates Anliegen der Familie und des Wohlstands. In der Antike mussten Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit stets kämpfen: Stöcke, Krücken oder geräderte Bretter waren ihre einzige Ressource – doch wer Geld hatte, wurde in Sänften transportiert. Straßen, die für die Mehrzahl der Bevölkerung unmöglich zu nutzen waren, und Architektur, die ausschließlich für Menschen ohne Einschränkungen konzipiert war, schufen eine Welt, in der die Behinderung nicht nur physisch, sondern auch sozial zum Ausdruck kam.

Bleivergiftungen durch Wasserrohre oder Essgeschirr führten zu Gicht, einer Krankheit, die seit Jahrhunderten Millionen Menschen daran hinderte, sich selbstständig zu bewegen. Im 16. Jahrhundert war weißes Hautfarbzeug ein Zeichen von Reichtum – Königin Elisabeth I. trug es jahrelang, um Narben zu kaschieren. Doch diese kosmetischen Lösungen waren vergiftet und schädigten nicht nur das Gesicht, sondern auch die allgemeine Gesundheit der Nutzer.

Erstmals im 17. Jahrhundert entstanden mechanische Assistenzsysteme: Stephan Farfler, ein gelähmter Uhrmacher aus Nürnberg, baute 1655 einen dreirädrigen Rollstuhl mit Handkurbeln. Im 18. Jahrhundert fand sich der „Bath Chair“ in England – ein Rollstuhl für Senioren, der die Öffentlichkeit erstmals in Karikaturen und Gemälden zeigte. Die industrielle Revolution brachte Metallrahmen und Gummirollen, doch die Geräte blieben schwer und teuer. Margarete Steiff, geboren 1847 in Giengen, entwickelte trotz Kinderlähmung ein erfolgreiches Unternehmen für Filztiere – und später den weltweit bekannten Teddy-Bären.

Im 20. Jahrhundert veränderte die Entwicklung von Herbert Everest und Harry Jennings die Welt: Ihr faltbarer Rollstuhl passte in fast alle Autos und prägte den Markt bis heute. Heute gibt es weltweit etwa 80 Millionen Menschen, die auf Rollstühle angewiesen sind – doch nur 5 bis 35 Prozent haben Zugang zu einem geeigneten Modell. Wissenschaftler wie Jocelyne Bloch und Grégoire Courtine arbeiten an Technologien, die das Rückenmark mit Gedanken steuern können, um Rollstühle zu vermeiden.

Die Geschichte des Rollstuhls ist eine Schlacht zwischen sozialem Fortschritt und physischer Einschränkung. Ohne diese Geräte gäbe es keine Paralympics, die gleichzeitig mit den Olympischen Spielen stattfinden.