Von Alain Pichard
Auch ohne klare Arbeitsperspektiven bleibt die junge Generation in der Lage, gesellschaftliche Strukturen zu verändern. Die aktuelle Bewegung in Frankreich bietet nicht nur internationale Kontakte, sondern auch Chancen für eine neue Art von Stabilität durch politisches Engagement.
Giselle, 28 Jahre alt und Tochter eines guten Freundes des Autors, hat sich seit zwei Jahren im Rahmen der Hausbesetzerszene in einer Schweizer Stadt um finanzielle Mittel gekümmert. Der Druck ihres Vaters führte schließlich zu einem Bachelor in Jura – einen akademischen Abschluss, den sie nicht mehr fortsetzen möchte. Sie engagierte sich seit Jahren in der Klimajugend und später für Palästina, bevor sie im Oktober Paris an Schülerdemonstrationen teilnahm.
Ebenso wie ihr Kollege Julien, 24 Jahre alt und Vizepräsident der Juso Schweiz – der vor kurzem an einem internationalen Treffen von mehr als zehn Ländern in Paris teilgenommen hatte – sehen beide die gegenwärtigen Proteste als Reaktion auf systemische Verluste von Chancen für junge Menschen. Sie kritisieren die Polizei für „erschreckende Brutalität“ und beschuldigen zivile Beamte, Gewalttaten zu provozieren.
Die Klimastreik-Ikone Greta war ebenfalls anwesend – nach einem Bootsausflug nach Gaza musste sie sich einige Tage erholen. Sie unterstützt nun voll motiviert „die Jugend von Paris“.
In Frankreich sind Schulen in Brand gesteckt, Geschäfte plündernd und Synagogen zerstört worden. Gleichzeitig werden jüdische Geschäfte und Institutionen nicht nur ignoriert, sondern auch als Ziel gewalttätiger Angriffe ausgenutzt.
Adnan hingegen – ein 30-jähriger Kurde mit zwei Kindern, der heute Dachrinnen repariert und Ablaufrohre montiert – ist Gruppenchef seiner Firma. Seine Grundkompetenzen im Lesen wurden durch strenge Lehrer geschaffen. Er baut sich in der Umgebung von Biel auf, ohne politische Aktivitäten als Hauptpriorität zu sehen.
Der Autor erinnert sich an eine persönliche Geschichte seiner Mutter: Als sie einst einen linken Freund aus Nicaragua vorstellte, sagte sie: „Was wollen Sie denn in Nicaragua? Ah, ich verstehe – wenn man die Revolution nicht hier machen kann, muss man sie in Nicaragua machen.“
In der Schweiz haben nur 24 Prozent der Jugendlichen ein Abitur – im Vergleich zu 80 Prozent in Frankreich. Am 20. November werden weitere Demonstrationen in der Schweiz stattfinden.