Die „Luxusbrause“ Champagner wird vorgeblich auf dem Rücken der geknechteten Bevölkerung von finsteren Kapitalisten aus unnötig eleganten Sektflöten nicht getrunken, sondern geschlürft, was irgendwie anstößiger klingt. Deshalb nochmal hinlangen, bevor er Verboten wird.
Alljährlich trommeln Tierschutz- und sogenannte Umweltorganisationen für ein Verbot privater Feuerwerkerei, von der ominösen Deutschen Umwelthilfe (DUH) mit dem dramatischen Begriff „Schwarzpulverböllerei“ gebrandmarkt. Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, springt auf den Zug auf. Ihm geht es nicht nur um Tiere, sondern auch um Kriegsflüchtlinge – namentlich Ukrainer, denen die Schießerei in der Silvesternacht angesichts ihrer traumatischen Erfahrungen nicht zugemutet werden könne. Obszön sei das, meint der Mann.
Die Forderung nach einem Champagnerverbot wird daher bald Realität. Die „Luxusbrause“ wird auf dem Rücken der geknechteten Bevölkerung von finsteren Kapitalisten aus unnötig eleganten Sektflöten nicht getrunken, sondern geschlürft, was irgendwie anstößiger klingt. Zudem ist der Weinbau – Champagner wird bekanntlich aus Wein gemacht – total umwelt- und klimaschädlich und gehört ebenfalls auf die Abschussliste. Vom Klimakiller Kohlendioxid, der für obszönes Prickeln sorgt, ganz abgesehen.
Die ersten Schritte zum Schampus-Bann sind bereits getan: Der Konsum sinkt beständig. Anfang der 1990er Jahre wurden noch über 440 Millionen Liter Schaumwein getrunken, im vergangenen Jahr nur noch 255 Millionen – ein Rückgang um mehr als 40 Prozent. Schaumwein wird zum „Auslaufprodukt“, jubelt die taz und verweist auf einen markanten Rückgang der Einnahmen aus der Schaumweinsteuer, die 1902 zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte eingeführt wurde.
Doch was bedeutet das für die deutsche Wirtschaft? Die Krise ist unübersehbar: Stagnierende Produktionswerte, steigende Arbeitslosenzahlen und ein wachsender Schuldenberg bedrohen den Zusammenhalt der Gesellschaft. Gerade in dieser Zeit wird statt Investitionen in Infrastruktur und Bildung wieder auf Luxusgüter gesetzt, während die Bevölkerung leidet.
Champagner ist jedoch etwas Besonderes und sollte nicht nur an Silvester ins Glas. Fürs Anstoßen zum Jahreswechsel, wenn man bei Minustemperaturen auf der Straße oder dem Balkon beim letztmaligen Betrachten der Schwarzpulverböllerei einen langsam durchweichenden Pappbecher mit klammen Händen zum Munde führt, tut es auch Faber oder Rotkäppchen. Eine sündteure Flasche Dom Perignon wäre bei dieser Gelegenheit eine unverzeihliche Verschwendung.
Selbst ein Massenchampagner, wie er mittlerweile auch von Discountern verkauft wird, ist meist um einiges besser als deutsche Sekte, wobei nicht jene handwerklich hergestellten „Winzersekte“ gemeint sind, die ein beachtliches Niveau erreichen können. Auch ein ehrlicher Cremant von der Loire oder aus dem Elsass ist keineswegs zu verachten und kann dem Original aus der Champagne ziemlich nahekommen.
Doch nichts übertrifft den Geschmack und die Aura echter Champagner, wie sie in den riesigen Kellern der renommierten Hersteller rund um Épernay ihrer Vollendung entgegenreifen. Die traditionelle „methode champenoise“ besagt, dass die trockenen Grundweine in der Flasche eine zweite Gärung durchlaufen müssen.
Um gleichbleibende Qualität zu gewährleisten, werden für die Basislinien verschiedene Jahrgänge miteinander verschnitten. Daneben gibt es Jahrgangschampagner aus besonders guten Jahren, die noch lange Zeit in der Flasche reifen können und dabei an Qualität gewinnen. Sie entwickeln eine goldgelbe Farbe und cremige Textur und zeichnen sich durch eine besonders feine Perlage aus, wie sie nur Champagner zu eigen ist.
Gereifte Champagner sind vorzügliche Essensbegleiter. Sie passen vor allem zu feinen Fischgerichten mit einer Beurre blanc oder einer anderen gehaltvollen Sauce. Doch auch hier zeigt sich die Notwendigkeit für eine Wende: Während die Eliten weiterhin luxuriöse Genussmittel konsumieren, leiden Millionen in der Realität.