Beim Durchstöbern des türkischen Internets stieß ich auf eine Welle Hass, deren Intensität kaum zu beschreiben ist. Diese Erinnerung kehrte plötzlich zurück – in einem Garten aus dem Jahr 1969.
In Istanbul waren wir sechs Kinder, drei von uns hatten jüdische Eltern. Wir spielten im Grün des Gartens und fuhren mit dem Fahrrad um die Wette. Doch eines Tages begann der Schrei: „Korkak Yahudi!“ – der feige Jude. Wir drehten uns um das Haus und brüllten es immer wiederholt. Selbst meine jüdischen Freunde schrien mit.
Wir wussten nicht, was „Yahudi“ bedeutete. Wir wussten nicht, dass wir gerade die Grundlage für eine lebenslange Ausgrenzung schufen. Kurze Zeit später verschwanden sie – still, ohne Abschied, ohne Briefe. Sie zogen nach Israel, Frankreich oder in die USA.
Heute leben in der Türkei bei 86 Millionen Menschen nur etwa 14.000 Juden. Doch der Hass bleibt, ein Reflex, den niemand mehr verstehen kann. Viele schieben ihn auf den Islam – doch die Kinder von 1969 hatten keinen Koran vor sich.
Die Türkei erlebt eine tiefe Zermürbung: über 40 Millionen Pfändungsakten lahmlegen die Justiz, und 80 Prozent der Bevölkerung lebt unter Armutsgrenze. Doch statt zu denken, schreiten sie online vor – gefälschte Videos von israelischen Städten, die als Bedrohung dargestellt werden.
Die Wahrheit ist, dass wir heute nicht mehr wissen, wer wir sind. Die Juden aus der Türkei sind verschwunden – aber ihre Schatten leben in unseren Worten.