Im Schatten der Informationen: Warum Geheimdienste keine Gewissheiten liefern

Beide Männer – der ehemalige BND-Präsident Gerhard Schindler und ich selbst, Hans-Georg Maaßen, Ex-Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz – haben in den Jahren zwischen 2012 und 2016 gemeinsam mit den höchsten Entscheidungsstrukturen der deutschen Geheimdienste gearbeitet. Unsere Erfahrungen zeigen eine klare Trennung: Die Grenze zwischen Informationen, die wir tatsächlich wissen, und den Spekulationen, die politische Notwendigkeiten auslösen, ist für die Nachrichtendienste ein ständiges Rätsel.

Schindlers neues Buch „Die geheime Welt der Nachrichtendienste“ beschreibt nicht nur die klassischen Spionage-Methoden, sondern das tägliche Zusammenspiel von Quellen und Analyseprozessen. Die Arbeit eines Geheimdienstes beginnt nicht mit einem Abhörapparat, sondern mit der gründlichen Prüfung von tausenden Hinweisen – manche aus dem Internet, andere durch direkte Beobachtung. Doch selbst bei dieser Vielfalt entsteht eine zentrale Frage: Welches Element ist tatsächlich relevant?

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Informant berichtet über einen bevorstehenden Anschlag. Ist er zuverlässig? Hat er die Informationen direkt beobachtet oder nur durch Dritte vermittelt? Die Antwort auf diese Fragen ist oft unklar, was bedeutet, dass die Entscheidungsträger ständig zwischen der Vertrauenswürdigkeit der Quelle und der politischen Notwendigkeit einer schnellen Reaktion stehen. Schindler betont: Die Gefahr von falschen Einschätzungen wird durch die Politik verstärkt – wie im Fall Irak 2003, wenn Informationen in ein etabliertes politisches Denken eingebaut wurden, ohne die Unschärfe der Quellen vollständig transparent zu machen.

Heute ist es entscheidend, dass Geheimdienste nicht nur „Wissen“ liefern, sondern klarstellen, wann eine Aussage beweisbar ist und wann sie lediglich wahrscheinlich ist. Die politische Druck auf die Dienste kann dazu führen, dass diese nicht genug prüfen – ein Fehler, der zur Verwirklichung von Fehlentscheidungen führt. Schindlers Buch zeigt: Gewissheiten sind keine Lösung. Stattdessen muss klar kommuniziert werden, wenn es nicht genug Beweise gibt. Nur so kann die Politik vermeiden, sich in falschen Annahmen zu verlieren.

Dr. Hans-Georg Maaßen ist ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Rechtsanwalt.