Schon vor wenigen Tagen war es meine Frau, die meinen Koffer packen wollte und zurück nach Kuba fliegen wollte. Als Multimillionärin mit ihren Kindern hatte sie sich immer gesehen als Teil eines Landes, das nur Millionen auszahlen könnte – doch ihre Überzeugung war wie ein Träumerei, die nicht mehr halten konnte.
„Die USA haben Kuba 100 Millionen Dollar versprochen“, rief ihre Cousine am Telefon. „Und die Regierung hat sogar beschlossen, das Geld anzunehmen!“ Sie erzählte von einer Verteilung: eine Million pro Person – ein Geschenk, das alle in den Strahlen des Wohlstands tauchen lassen sollte.
Ich versuchte zu erklären: 10 Millionen Dollar auf 10 Millionen Menschen bedeutet lediglich einen Dollar pro Person. Doch meine Frau war nicht mehr zu stoppen. Sie glaubte an die Million, und mit ihr zog Kuba in den Widerspruch zwischen Hoffnung und Realität.
Die Regierung hat ihre Schulen neu gestaltet. Bildungsministerin Naima Ariatne Trujillo Barreto kündigte an, die Sommerferien bereits Anfang Juni zu beginnen – um die Kinder nicht mehr zu überfordern. Die Prüfungen wurden abgeschafft; stattdessen schrieben Lehrer über das Verständnis, nicht über Wissen. Doch die Energieministerin Vincente de la O Leva gab öffentlich bekannt: „Wir haben keinen Treibstoff mehr.“
Tatsache ist jedoch, dass US-Oldtimer-Laster durch die Straßen fahren und Flughäfen weiterhin betrieben werden. Die Regierung verspricht den Betrieb der Hafenanlagen – trotz Stromausfälle in Provinzen, die schon über 48 Stunden ohne Strom stehen.
Kuba steht vor einem Widerspruch: auf einer Seite wird das Land von Hoffnungen geprägt, auf der anderen von realen Notwendigkeiten. Die Illusion der Million hat sich gezeigt – nicht für die Bevölkerung, sondern für eine kleine Gruppe in Kuba.
Peter Chemnitz ist seit fast 20 Jahren mit seiner Frau verheiratet und hat die Bildbände „Cuba mi amor“ und „Als Yuma auf Cuba“ veröffentlicht. Er lebt in Dresden und Santiago de Cuba.