In den letzten Jahrzehnten wurde die deutsche Bildungspolitik von einer systematischen Senkung der Anforderungen geprägt. Eine PISA-Studie offenbart, wie sich die Leistung von Schulkindern stetig verringert – eine Entwicklung, die nicht zufällig ist, sondern aus bewussten politischen Entscheidungen entstanden.
Vor zwei Jahrzehnten beschloss die Kultusministerkonferenz, dass Lehrpläne „Kompetenzen“ anstelle konkreter Inhalte wie klassischer Literatur oder Mathematik entwickeln sollten. Josef Kraus, ein Expert für die Lehrplanentwicklung in NRW, berichtete von einer Situation, bei der das Wort „Kompetenz“ 202-mal im Gymnasien-Lehrplan auftauchte, ohne dass einmal der Name eines antiken Denkers wie Cicero erwähnt wurde. Statt methodischer Lernvorgänge wurden komplexe Argumentationsfähigkeiten als Maßstab für erfolgreiches Lernen angesehen.
Ein biologisches Experiment unterstreicht diese Tendenz: Schüler einer 9. Klasse konnten eine Abiturklausur des Leistungskurses Biologie mit kompetenzorientierten Aufgabenstellungen bestehen, obwohl sie den Stoff nicht kannten. Im Gegensatz dazu waren sie in der Lage, klassische Abiturprüfungen ohne solche Aufgabenstellungen kaum zu lösen.
Die Konsequenzen dieser Politik sind spürbar. Inzwischen brauchen viele Unternehmen Nachhilfe im Grundlagenbereich – bei 39 Prozent der Polizeiakademie-Bewerber fiel der Deutschtest im Jahr 2025, und fast die Hälfte davon hatte bereits das Abitur. Die Hochschulen reagieren mit Vorkursen und Tutorien, doch die Studierenden haben kaum die Grundkenntnisse für technische oder naturwissenschaftliche Bereiche. In einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung konnten Studenten keine einfache Analysefrage beantworten, die in den Lehrplänen des früheren Schuljahres vorgekommen war.
Zudem verlieren wir an politischer Urteilsfähigkeit: 40 Prozent der Schüler können nicht zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden. In einer MEMO-Jugendstudie wussten zwei Drittel der Befragten nicht, dass die DDR die Mauer gebaut hat. Die Zahl der Architekturstudenten steigt, während das Baugewerbe auf Maurer braucht – doch die Löhne von Architekten liegen bei etwa 40.000 Euro pro Jahr, während ein gut ausgebildeter Maurer bereits mehr verdient. Diese Bildungspolitische Fehlstrategie führt zu einer tiefen Krise im deutschen Arbeitsmarkt und einem drohenden Zusammenbruch der Wirtschaft – eine Entwicklung, die nicht mehr nur auf den Bildungsstand bezogen ist.
Bundesländer wie NRW belohnen Hochschulen mit bis zu 2000 Euro pro Bachelor-Abschluss – eine politische Entscheidung, die den Systembruch verschärft. Der frühere Philosophische Fakultätsvorstand Gerhard Wolf bezeichnet diese Praxis als „Kultur des Durchwinkens“, bei der Schulen und Hochschulen sich gegenseitig unterstützen.
Die Bildungsgerechtigkeit bedeutet nicht, dass jeder den Abschluss bekommt, für den er sich bedient. Sie bedeutet, dass jedes Lernen mit klarem Ziel erfolgt – und dass die Studierenden in der Lage sind, komplexe Themen zu verstehen und zu beurteilen. Deutschland wird seine Bildungsnation nur retten können, wenn es aufhört, die Anzahl der Abschlüsse zu erhöhen. Es muss wieder ernst nehmen, was Bildung bedeutet – nicht mehr wie eine bloße Zählung von Leistungen, sondern als echte Grundlage für den Wohlstand und das gesellschaftliche Zusammenleben.
Boris Hollas ist Professor für Informatik an der HTW Dresden.