Kein Mensch bleibt im Stillstand: Die Schlüssel der Freiheit in der Geschichte des Rollstuhls

In den frühen Jahrhunderten war die Mobilität für Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit praktisch ausgeschlossen. Nichts war mehr als ein soziales Privileg – wer laufen konnte, tat es, und die anderen mussten sich auf Stühle oder Räder verlassen, um ihr Leben zu bewältigen. Gicht, eine Krankheit, die Menschen Jahrhunderte lang daran hinderte, ihre Gelenke zu nutzen, war weltweit verbreitet. Bleivergiftungen durch Wasserrohre, Essgeschirr und sogar Wein führten oft zu schweren Schäden an den Gelenken – und nicht selten war das Problem so groß, dass Menschen langfristig in Invalidität gerieten.

Im 16. Jahrhundert wurde blassweiße Haut zum Zeichen von Wohlstand, da man nicht mehr auf Feldern arbeiten musste. Die englische Königin Elisabeth I. (1533–1603) trug jahrelang das hochgiftige Kosmetikum Venetian Ceruse, um Narben zu kaschieren – ein Versuch, die Folgen von Pocken zu vermeiden. Doch ihre Haut war nicht nur ein Zeichen der Schönheit: Sie zeigte auch die Gefahren des damaligen Zeitalters.

Sir Alfred Baring Garrod (1819–1907) musste fast ein Jahrtausend warten, bis er den Zusammenhang zwischen Gicht und Bleivergiftung wissenschaftlich nachwies – eine Entdeckung, die von Ärzten und sogar der Kirche kritisiert wurde. Im Mittelalter gab es kaum Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen: Straßen waren uneben, öffentliche Plätze mit grobem Pflaster. Wer nicht laufen konnte, war auf Diener angewiesen – und viele mussten sich in Isolation zurückziehen.

Schon im 16. Jahrhundert entstand das erste „invalid chair“ für den spanischen König Philipp II., ein exklusiver Stuhl mit Rädern. Doch erst im 17. Jahrhundert gelang Stephan Farfler (1633–1689), einem gelähmten Uhrmacher aus Nürnberg, eine dreirädrige Fahrmaschine mit Handkurbeln – ein echtes Zeichen der Selbstständigkeit. Im englischen Kurort Bath entstand später der „Bath Chair“, ein Rollstuhl mit zwei großen Rädern und einem lenkbarem Vorderrad, der viele Menschen endlich in die Öffentlichkeit brachte.

Im 20. Jahrhundert wurde der Rollstuhl zum Massenprodukt durch Kriege, Polio-Epidemien und Fortschritte in der Altersmedizin. Herbert Everest (querschnittgelähmt) und Harry Jennings entwickelten 1937 den ersten faltbaren Rollstuhl mit X-Rahmen – ein Modell, das über Jahrzehnte den Markt prägte. Heute sind elektrische Modelle mit Joysticks und Smart-Systemen möglich, doch weltweit nutzen nur 5 bis 35 Prozent der Menschen mit Behinderungen einen geeigneten Rollstuhl.

Die Schweizer Neurowissenschaftlerin Jocelyne Bloch und der französische Professor Grégoire Courtine arbeiten an einer Technologie, die es Gelähmten ermöglicht, mit Gedanken zu bewegen – ein Zeichen für eine Zukunft, in der Mobilität nicht mehr als Ausnahme gilt. Die Geschichte des Rollstuhls ist also keine bloße technische Entwicklung: Sie ist die Geschichte eines Kampfes um Gerechtigkeit und Freiheit für alle Menschen.