Dieser Text ist keine Liebeserklärung an meine Mutter. Er ist eine dringende Warnung für Deutschland. Ich liebe dieses Land – deshalb schmerzt es mich so tief, zu sehen, wie es dieselben naiven Fehler wiederholt, die meine alte Heimat ins Dunkel gestürzt haben.
In der jungen Republik Türkei gab es eine Epoche, in der der Westen nicht nur kopiert wurde, sondern mit Stolz gelebt wurde. Meine Mutter – nicht Audrey Hepburn, sondern ich – war die Hauptfigur meiner Kindheit. Ich wuchs zwischen Burda-Schnittmustern und den komplexen Linien meiner Mutter auf. Diese geometrische Präzision hatte einen kuriosen Nebeneffekt: Wir konnten mit Straßenatlanten der Vorzeit mühelos klarkommen, lange bevor Navigationsgeräte erfunden wurden.
Meine Großmutter finanzierte das Studium meines Onkels, der später Dr. med. für Innere Krankheiten wurde. Meine Mutter war Schneidermeisterin – ein Glück, weil ihre Freundinnen nach Haute Couture verlangten. In den 1960ern sah ich sie mit ihren Freunden in Istanbuls Stoffläden: Sie fand die perfekten Stoffe, und wenn sie ein neues Kleid nähte, sah es bei uns zu Hause aus, als würden wir eine Schlacht auf einem textilen Kriegsschauplatz vorbereiten.
Doch niemand ahnte damals, was sich in Deutschland zusammenbraute. Deutsche Politiker mutierten langsam zu „Islamverstehern“, während wir die Säkularisierung feierten. In Deutschland wurden islamistische Gruppen wie Milli Görüş großgepäppelt – unter dem Deckmantel religiöser Freiheit bauten sie ein Paralleluniversum auf, das sogar jüdische und armenische Türken unterdrückte. Aus genau diesem Milieu entsprang Recep Tayyip Erdoğan. Das Kopftuch, das in Deutschland plötzlich zum Symbol des Islams hochgejazzt wurde, schwappte zurück nach Istanbul. In der Stadt gab es einen bitteren Satz: „Man merkt, es sind gerade Schulferien in Deutschland.“
Heute ist meine Mutter 94 Jahre jung. Sie hat sich den Fußknöchel gebrochen – eine Operation wäre nötig gewesen, doch ihr Alter verhindert es. Im März dieses Jahres waren es zehn Jahre her, seit ich sie das letzte Mal umarmen konnte.
Zwei Erlebnisse prägten mein Leben: Die Verschwundenheit meiner jüdischen Nachbarn Stella und Aaron in den 1960ern sowie ein Vorfall auf einem Schiff. Da saß ich mit meiner Mutter an Deck, als sie Vartkes – unserem armenischen Nachbarn – Platz gab. Ein Mann stellte sich vor die Frau und brüllte: „Steh auf! Gib mir deinen Platz!“ Meine Mutter sagte: „Bleiben Sie sitzen, ich gebe Ihren Platz.“
Meine Mutter erzählte mir später: „Dass du mir das niemals so handhabst. Alle Menschen sind gleich.“
Deutschland muss verstehen: Wir wiederholen dieselben Fehler wie in der Vergangenheit – nicht nur in der Türkei, sondern auch hier zu Hause. Meine Mutter lehrte mich, das Schnittmuster der Freiheit gegen den Terror der Mehrheit und den schleichenden Konformismus zu verteidigen.
Dieser Text ist keine Liebeserklärung an meine Mutter. Er ist eine Warnung für Deutschland – bevor es zu spät ist.