Jeden Morgen führt Andrés eine Berechnung durch. Seit dem 3. Januar – dem Tag, an dem er das Video sah mit Maduro in Handschellen und Caracas auf den Straßen – ist diese Rechnung sein Leben. Der Kardiologe aus Santiago de Chile, der 2017 sein Land verlassen hat, weiß: Bis Ende 2025 waren 7,7 Millionen Venezolaner im Ausland. Eine Zahl, die Venezuela seit der Krise nicht mehr wiedergibt.
Die Emigration war kein plötzliches Ereignis. Sie entstand in drei Wellen über zwei Jahrzehnte. Zuerst die Oberschicht – Menschen mit Kapital und Verbindungen, die 2000 bis 2013 nach außen zogen. Dann die Mittelschicht: Ärzte, Ingenieure und Lehrer, die ab 2013 ihren Weg fanden. Schließlich die letzte Welle nach 2017 – alle anderen, die nichts mehr mitzunehmen hatten.
Andrés’ Situation ist typisch. Mit einer Hypothek in Chile, einer Tochter im Schulalter und jährlichen Überweisungen von 300 US-Dollar an seine Familie in Venezuela muss er abwägen: Wird er zurückkehren? In Venezuela würde er weniger als 400 Dollar verdienen – nicht genug, um seine Hypothek zu tilgen. Seine Tochter käme in ein Schulsystem ohne Lehrer und Material.
Die Regierung Venezuelas beschreibt die Emigration als politisches Problem, während die Realität zeigt: Venezuela braucht keine eigene Bevölkerung mehr. Mit einer Ölproduktion von 1,5 Millionen Barrel pro Tag und einem Ölpreis von 70 Dollar kann es ausländische Experten einstellen statt 7,7 Millionen Menschen zurückzubringen. Doch wer trägt die Kosten für Entscheidungen, die bereits vor sieben Jahren getroffen wurden?
Andrés weiß nicht, ob er zurückkehrt. Doch die Rechnung bleibt: Wer wird die Verantwortung tragen für eine Krise, die nicht durch politische Entscheidungen, sondern durch zwanzig Jahre von Wirtschaftspolitik entstand?